ADHS bei Kindern: Wenn „Konzentrier dich doch!“ nicht weiterhilft

Meik Lafferthon • 7. Oktober 2026

Ihr Kind möchte

und trotzdem klappt es nicht

Die Schultasche ist noch nicht gepackt. Bei den Hausaufgaben wird aus einer kleinen Aufgabe ein langer Nachmittag. Sie haben etwas mehrfach gesagt, doch es scheint nicht angekommen zu sein.

Vielleicht kennen Sie solche Situationen. Vielleicht sind Sie erschöpft, machen sich Sorgen oder fragen sich: „Warum ist das bei uns so schwierig?“

Auch Ihr Kind erlebt diese Momente. Es bekommt mit, wenn andere schneller fertig sind, weniger Ermahnungen brauchen oder leichter Anschluss finden.

Mein Ausgangspunkt ist deshalb: Wir sollten genau hinschauen, was ein Kind gerade braucht – und dabei auch die Belastung der Eltern ernst nehmen.


ADHS ist mehr als sichtbare Unruhe

ADHS ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Sie kann sich durch Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit, impulsives Verhalten und ausgeprägte Unruhe zeigen. Dabei stehen nicht bei jedem Kind dieselben Merkmale im Vordergrund.

Manche Kinder fallen auf, weil sie ständig in Bewegung sind oder andere unterbrechen. Andere wirken eher verträumt, verlieren den Faden und vergessen häufig Dinge. Sichtbares Zappeln ist deshalb nicht die einzige mögliche Erscheinungsform.

Nicht jedes lebhafte oder unkonzentrierte Kind hat ADHS. Entscheidend sind unter anderem Dauer, Ausprägung und Auswirkungen der Schwierigkeiten auf verschiedene Lebensbereiche. Informationen zu ADHS-Symptomen


Verstehen, bevor wir bewerten

Wenn ein Kind eine Aufgabe nicht erledigt, liegt die Erklärung „Es will einfach nicht“ manchmal nahe. Hilfreicher kann zunächst eine konkrete Frage sein:

An welcher Stelle wird es schwierig?

Hat Ihr Kind den Auftrag verstanden? Weiß es, womit es beginnen soll? Sind es zu viele Schritte auf einmal? Lenkt etwas ab? Oder ist es nach einem anstrengenden Schultag bereits erschöpft?

Diese Fragen entschuldigen nicht jedes Verhalten. Sie helfen, passende Unterstützung und klare, umsetzbare Erwartungen miteinander zu verbinden.

Anstelle von „Wie oft muss ich dir das noch sagen?“ könnte ein Einstieg lauten: „Zeig mir, wo du gerade festhängst. Wir schauen uns den nächsten Schritt an.“


Was den Alltag übersichtlicher machen kann

Nicht jede Idee passt zu jeder Familie. Häufig lohnt es sich, mit einer kleinen Veränderung zu beginnen:



  • Einen Auftrag nach dem anderen geben. Zum Beispiel zunächst: „Lege bitte dein Heft auf den Tisch.“
  • Abläufe sichtbar machen. Eine kurze Liste oder Bilder können beim morgendlichen Fertigmachen Orientierung geben.
  • Aufgaben in überschaubare Schritte teilen. Vereinbarte Pausen gehören dazu.
  • Rückmeldung konkret formulieren. „Du hast selbst angefangen“ zeigt genauer, was gelungen ist, als ein allgemeines Lob.
  • Gemeinsame Zeit ohne Leistungsauftrag schaffen. Ihr Kind soll erleben, dass Ihre Beziehung mehr umfasst als Schule, Regeln und Ermahnungen.

Es geht nicht darum, ab morgen alles perfekt umzusetzen. Wählen Sie eine Situation, die häufig schwierig wird, und probieren Sie dort eine überschaubare Veränderung aus. Alltagshilfen für Eltern vom IQWiG


Eine sorgfältige Abklärung schafft Orientierung

Wenn Schwierigkeiten länger bestehen und Schule, Familienleben oder Freundschaften deutlich belasten, ist eine fachliche Abklärung sinnvoll. Eine erste Anlaufstelle ist die Kinderarztpraxis.

Zur Diagnostik gehören Gespräche, die Entwicklungsgeschichte und Beobachtungen aus unterschiedlichen Situationen – beispielsweise zu Hause und in der Schule. Auch andere Erklärungen wie Schlafprobleme, Ängste oder Lernschwierigkeiten müssen berücksichtigt werden. Ein einzelner Fragebogen oder ein unruhiger Nachmittag reichen für eine Diagnose nicht aus. So wird ADHS diagnostiziert


Welche Unterstützung ist sinnvoll?

Die Behandlung richtet sich nach Alter, Belastung und individuellen Bedürfnissen. Dazu können Aufklärung, Elterntraining, Unterstützung in Schule oder Kita, verhaltenstherapeutische Maßnahmen und Medikamente gehören.

Elterntraining bedeutet dabei nicht, dass Eltern schuld sind. Es vermittelt konkrete Möglichkeiten, mit den besonderen Herausforderungen umzugehen. Ob Medikamente sinnvoll sind, wird gemeinsam mit den behandelnden Fachleuten abgewogen. Behandlungsmöglichkeiten bei ADHS


Welche Rolle kann Hypnose spielen?

Auf einer Webseite für Hypnosetherapie gehört auch diese Frage dazu. Die fachliche Einordnung ist wichtig: Hypnose ist keine etablierte Standardbehandlung der ADHS-Kernsymptome. Sie ersetzt weder eine sorgfältige Diagnostik noch die empfohlenen Behandlungen. Die NICE-Leitlinie zur ADHS-Behandlung führt sie nicht als Standardverfahren auf.

Wenn ergänzende Hypnose erwogen wird, braucht es ein klar benanntes Anliegen, eine altersgerechte Vorgehensweise und die Abstimmung mit den behandelnden Fachleuten. Das Kind sollte verstehen, was geschieht, und freiwillig mitmachen.

ADHS sollte dabei nicht als eine verborgene seelische Blockade dargestellt werden, die man in Trance einfach auflösen könne.


Ihr Kind ist mehr als seine Schwierigkeiten

Neben vergessenen Aufgaben, Konflikten oder schlechten Tagen gibt es Interessen, Fähigkeiten, Wünsche und Momente, in denen etwas gelingt. Auch diese verdienen Aufmerksamkeit.

Vielleicht hilft für heute eine kleine Frage: „Wann hatten wir zuletzt einen guten Moment miteinander – und was hat ihn möglich gemacht?“


Ein Kind muss nicht erst ruhig, angepasst oder erfolgreich sein, um sich angenommen zu fühlen. Unterstützung beginnt damit, es in seiner aktuellen Situation ernst zu nehmen.

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